Berufsorientierung - Ein Lehr- und Arbeitsbuch

von: Tim Brüggemann, Sylvia Rahn

Waxmann Lehrbuch, 2013

ISBN: 9783830950738 , 376 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 26,99 EUR

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Berufsorientierung - Ein Lehr- und Arbeitsbuch


 

Andreas Hirschi

Berufswahltheorien – Entwicklung und Stand der Diskussion

1.  Aktueller Stand einiger etablierter Berufswahltheorien

In dem ersten Teil des Beitrags wird kurz auf den aktuellen Stand der Diskussion von drei der wichtigsten etablierten Theorien eingegangen: die Theorie von John Holland, die Entwicklungstheorie von Donald Super und die sozial-kognitive Theorie. Danach fokussiert sich die Darstellung auf die aktuellsten Trends im Bereich der Berufswahltheorien, die in einer solchen Übersicht noch nie dargestellt wurden. Die interessierte Leserin und der interessierte Leser können einige sehr gute Übersichten über den aktuellen Stand von etablierten Berufswahltheorien bei verschiedenen Autoren finden, so bei Brown und Lent (2005), Walsh und Savickas (2005), Fouad (2007), oder Betz (2008). In deutscher Sprache existieren Übersichten von Brown und Brooks (1998), Jungo (2011) oder Hurni (2007).

1.1  Die Theorie von Holland

Die Theorie von beruflichen Interessen- und Persönlichkeitstypen von Holland (1997) postuliert, dass Personen und Arbeitsumwelten in sechs grundlegende Typen kategorisiert werden können:

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Realistic – handwerklich-technisch

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Investigative – untersuchend-forschend

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Artistic – künstlerisch-kreativ

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Social – erziehend-pflegend

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Enterprising – führend-verkaufend

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Conventional – ordnend-verwaltend

Die Theorie besagt weiter, dass eine gute Korrespondenz zwischen dem Interessentyp der Person und Merkmalen der Umwelt (eine hohe Kongruenz) zu positiven Ergebnissen wie Arbeitszufriedenheit, Stabilität in der Laufbahnentwicklung und besserer Arbeitsleistung führt. Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass Kongruenz ein nützliches Konstrukt ist, um Berufswahlentscheidungen zu erklären. Personen wählen eher Berufe und Studienrichtungen, die mit ihren Interessen kongruent sind, und sie verbleiben auch eher in kongruenten Berufen und Studiengebieten (Holland, 1997; Spokane & Cruza-Guet, 2005). Andere Untersuchungen zeigten, dass die Kongruenz zwischen Interessen und Berufswünschen im Jugendalter mit steigendem Jahrgang zunimmt, weil Jugendliche mit zunehmendem Alter besser in der Lage sind, ihre Berufswünsche den persönlichen Interessen anzupassen (Hirschi, Niles, & Akos, 2011; Hirschi & Vondracek, 2009; Tracey & Robbins, 2005). In zwei Meta-Analysen wurde zudem bestätigt, dass eine hohe Kongruenz moderat positiv mit Arbeitszufriedenheit, Wohlbefinden und Arbeitsleistung zusammenhängt (Spokane, Meir, & Catalano, 2000; Tsabari, Tziner, & Meir, 2005).

Eine hohe Kongruenz zwischen Interessen und Beruf hängt positiv mit Arbeitszufriedenheit, Wohlbefinden und Arbeitsleistung zusammen.

Studien zur Stabilität von beruflichen Interessen zeigten, dass diese bereits in der Adoleszenz ziemlich stabil sind, sich im jungen Erwachsenenalter stark stabilisieren und dann für den Rest des Lebens relativ konstant bleiben (Low & Rounds, 2007; Low, Yoon, Roberts & Rounds, 2005). Eine Vielzahl von Forschungsarbeiten hat zudem belegt, dass die Interessentypen von Holland bedeutsam mit grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften zusammenhängen. So zeigen im Allgemeinen extravertierte Personen mehr Interessen in Enterprising- und Social-Bereichen und Personen mit einer größeren Offenheit für neue Erfahrungen mehr Interesse an Artistic- und Investigative-Berufen und -Aktivitäten (Barrick, Mount & Gupta, 2003; Larson, Rottingshaus & Borgen, 2002). Ein hauptsächlicher Grund für die fortlaufende Beliebtheit der Theorie von Holland ist die Einfachheit des Typen-Modells und die gut etablierten Berufsinteressen-Tests zum Einsatz in der Berufsberatung und Laufbahnforschung. Im deutschsprachigen Raum sind hier der Allgemeine Interessen-Struktur-Test (für Jugendliche und junge Erwachsene) von Bergman und Eder (2005) sowie der Explorix (für Erwachsene) von Jörin, Stoll, Bergmann und Eder (2004) besonders zu empfehlen.

1.2  Die Entwicklungstheorie von Donald Super

Super (1954) revolutionierte das Feld der Laufbahnpsychologie mit seiner Entwicklungstheorie, die auf Laufbahnmuster anstelle einzelner Berufswahl-Entscheide fokussiert. Er postulierte, dass berufliche Entwicklung in bestimmten Phasen verläuft: Wachstum, Exploration, Etablierung, Erhaltung und Rückzug. Ein anderes Kernkonzept der Theorie ist, dass Personen in der Laufbahnentwicklung ihr Selbstkonzept implementieren. Weiterhin besagt Super (1990), dass Personen viele verschiedene Lebensrollen (z. B. Arbeitnehmerin, Mutter, Freundin etc.) haben, welche sich in der subjektiven Wichtigkeit unterscheiden. Die Theorie von Super hat viel Forschung stimuliert und einige Weiterentwicklungen erfahren. So ist der entwicklungskontextuelle Ansatz der Laufbahnentwicklung (Vondracek, Ferreira & Santos, 2010; Vondracek, Lerner, & Schulenberg, 1986) eine moderne Ausarbeitung, welche aktuelle Theorien aus der Entwicklungspsychologie auf die Laufbahnentwicklung anwendet. Entsprechend diesem Ansatz ist Laufbahnentwicklung eine dynamische Interaktion von Person und Umwelt und findet nicht in bestimmten, festgelegten Phasen statt. Auch der konstruktivistische Ansatz, welcher weiter unten beschrieben wird, ist stark von Supers Theorie beeinflusst. Da die Theorie von Super jedoch wenig spezifisch ist, gibt es kaum Forschungsarbeiten zu konkreten theoretischen Hypothesen. Vielmehr wurden Forschungsarbeiten durch einzelne Aspekte in der sehr umfassenden Theorie von Super angeregt. So wurde zum Beispiel untersucht, welche Faktoren eine aktive Exploration in der Berufswahl fördern oder welche Komponenten Berufswahl-Entscheidungen erleichtern (Hirschi et al., 2011; Kracke, 2002; Rogers & Creed, 2011).

Laufbahnentwicklung ist eine dynamische Interaktion von Person und Umwelt und findet nicht in bestimmten, festgelegten Phasen statt.

Eine praktische Anwendung der Theorie von Super ist das Messen der Berufswahlreife eines Klienten, um damit passende Interventionen zu gestalten und die berufliche Entwicklung zu fördern. Berufswahlreife Instrumente in deutscher Sprache wurden von Seifert und Stangl (1986) und Seifert und Eder (1985) publiziert, welche in angepasster Form noch heute in der Forschung verwendet werden (Hirschi & Läge, 2007). Allerdings gilt das Konzept der Berufswahlreife in der ursprünglichen Form von Super heute als veraltet (Hirschi, 2008a) und moderne Testverfahren zur umfassenden Abklärung der Berufswahlbereitschaft müssen im deutschen Sprachraum noch weiter entwickelt und etabliert werden (Hirschi, 2007).

1.3  Die sozial-kognitive Theorie

Die sozial-kognitive Theorie von Lent, Brown und Hackett (Lent & Brown, 2005; Lent, Brown & Hackett, 1994) ist die zurzeit einflussreichste Theorie in der Berufswahl- und Laufbahnforschung. Die Theorie basiert auf dem Konstrukt der Selbstwirksamkeit und beschreibt ein integratives Modell der Interessenentwicklung, Berufswahl und Arbeitsleistung. Selbstwirksamkeitserwartungen beschreiben die Einschätzungen von Personen über ihre Fähigkeiten, bestimmte Handlungen zur Erreichung von bestimmten Leistungen ausführen zu können. Selbstwirksamkeitserwartungen und Ergebniserwartungen (Überzeugungen über bestimmte Ergebnisse oder Konsequenzen von bestimmten Handlungen) beeinflussen die Entwicklung von Interessen, welche sich wiederum auf die beruflichen Ziele und die Berufswahl auswirken. Geschlecht, Nationalität, Persönlichkeit und Fähigkeiten führen zu Lernerfahrungen, welche ihrerseits zur Entwicklung von Selbstwirksamkeitserwartungen und Ergebniserwartungen führen (für eine deutschsprachige Zusammenfassung der Theorie siehe Hirschi, 2008b).

Verschiedenste Forschungsarbeiten haben in den letzten Jahren das Modell untersucht. So wurde bestätigt, dass Selbstwirksamkeitserwartungen und Ergebniserwartungen die Berufswahl wesentlich beeinflussen. Insbesondere zeigte sich auch, dass Geschlechtsunterschiede in Selbstwirksamkeitserwartungen ein wesentlicher Faktor zur Erklärung von geschlechtstypischen Berufswahlverhalten sind (Sheu et al., 2010). Ein neuerer Fokus der sozial-kognitiven Theorie sind die Effekte der Umwelt in Form von sozialer Unterstützung und Hindernissen in der Laufbahnentwicklung (Lent, Brown & Hackett, 2000). Neue Studien zeigten hier, dass Hindernisse und soziale Unterstützung vor allem die Selbstwirksamkeitserwartung beeinflussen und damit eher indirekt als direkt auf die Berufswahl einwirken (Lent et al., 2003). Ein weiteres Forschungsinteresse war in den letzten Jahren, wie Interessen und Selbstwirksamkeitserwartungen zusammenhängen. Verschiedene Studien belegen, dass Interessen und Selbstwirksamkeitserwartungen...