Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde

von: Elisabeth Fendl (Hrsg.), Werner Mezger (Hrsg.), Michael Prosser-Schell (Hrsg.), Hans-Werner Retterat

Waxmann Verlag GmbH, 2010

ISBN: 9783830975014 , 288 Seiten

Format: PDF

Kopierschutz: frei

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Preis: 28,90 EUR

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Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde


 

„Bücher Bauen Brücken“ Die Stift ung Martin-Opitz-Bibliothek in Herne (S. 200-201)

Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem östlichen Europa in der Folge des Zweiten Weltkriegs bedeuteten – regionale Sonderentwicklungen und das Wiederentstehen organisierter deutscher Gruppen seit 1989 ausgeblendet – das Ende von deutscher Geschichte, Sprache und Kultur im östlichen Europa. Der deutsche Sprachraum wurde wesentlich auf die heutigen Grenzen Deutschlands und Österreichs, die deutschsprachige Schweiz und die deutsche Sprachgruppe Belgiens reduziert. Das Deutsche wurde von der „Muttersprache“ zur Fremdsprache.

Geblieben sind die historische Überlieferung und – im Wechsel der Genera tionen – die Erinnerung, vor allem aber Anstoßpunkte der deutschen Ge schich te und Kulturgeschichte sowie nicht mehr deutschsprachige Erin ne rungsorte wie Kants Königsberg oder Kafkas Prag als Teil des nationalen kulturellen Gedächtnisses. Die deutsche Geschichte bleibt ohne Kenntnis der historischen Grenzen und Kulturräume unverständlich, der Staat Preußen mit einem Territorium, das heute in Russland und zur guten Hälfte in Polen liegt, als Faktor der deutschen Geschichte ebenso wie die Konflikte zwischen „großdeutsch“ und „kleindeutsch“ im 19. Jahrhundert, der Friede von Versailles oder der Zweite Weltkrieg – historische Fakten, die Deutschland und seine östlichen Nachbarn verbinden und trennen.

Je nach Landschaft und Siedlungsgebiet hat die deutsche Geschichte in unterschiedlichen Konstellationen von Dominanz bis Marginalität zwischen knapp 70 Jahren in Bosnien und 700 Jahren in Schlesien gedauert. Noch weniger als im kulturellen Gedächtnis der Deutschen und der Nachbarnationen gibt es eine einheitliche Erinnerung im kommunikativen und im individuellen Gedächtnis der Betroffenen und ihrer Nachfahren.

Eine gemeinsame Geschichte aller Provinzen, Regionen und Landschaften hat es nicht gegeben, bestenfalls vergleichbare Entwicklungen und Strukturen im Rahmen der (ost-)europäischen Geschichte. Gemeinsam ist das Schicksal des Vertriebenwordenseins, und die gemeinsame Erfahrung beginnt mit der Ankunft in der nicht integrationswilligen neuen Gemeinschaft aus Heimatvertriebenen und Einheimischen nach 1945.3 Texte bewahren und vermitteln in der europäischen Tradition Information, Wissen, Meinung, Erinnerung und Unterhaltung. Archive und Bibliotheken erhalten sie über kurzlebige Konjunkturen hinaus generationsübergreifend.