Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen - Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes

Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen - Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes

von: Rüdiger Posth

Waxmann Lehrbuch, 2014

ISBN: 9783830981305 , 434 Seiten

3. Auflage

Format: PDF, ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 26,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen - Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes


 

Vorbemerkungen und Darstellung der Grundansichten

Das seelische Empfinden von Säuglingen und Kleinkindern ist vergleichsweise wenig erforscht, und man könnte bei kritischer Betrachtung beinahe von einem weißen Fleck auf der Landkarte aller Entdeckungen über die menschliche Natur sprechen. Das Bedenkliche daran ist, dass die große Bedeutung dieses frühen Entwicklungsstadiums für den Menschen über Jahrhunderte hinweg nicht erkannt und infolgedessen in der genauen Erforschung vernachlässigt worden ist. Erst in den letzten Jahrzehnten rückt dieser Lebensabschnitt des Menschen in den Blickpunkt des allgemeinen Interesses und auch die Wissenschaft nimmt sich des Themas an. Dabei stellt sich heraus, dass die ersten Jahre im Leben eines Menschen von elementarer Bedeutung für seine Persönlichkeitsentwicklung und seine sozialen Beziehungen sind.

Diese Ansicht wird zwar von manchen Skeptikern gerne bestritten, aber wer mit einfühlsamem Blick und unter Aufbietung seiner intuitiven Fähigkeiten die noch unverfälschten Gefühle, die begierige Aufnahme von Wissen und das völlig spontane Beziehungsverhalten von Säuglingen und Kleinkindern studiert, spürt schnell die entscheidende Bedeutung dieser Entwicklungsphase. Mimik, Gestik, Lautäußerung und Sozialverhalten unserer jüngsten Gesellschaftsmitglieder verraten noch alles über ihr Innerstes und machen das frühe, menschliche Gefühlsleben wie in einem großen Freifeldlabor offenkundig. Voraussetzung für ein effektives Studium dieses noch unbehinderten Gefühlsstroms ist die Bereitschaft des Beobachters, sich den Säuglingen und Kleinkindern mit Geduld und Verständnis zu nähern, sich ihnen zuzuwenden und sie bei ihren Aktionen und Handlungen aufmerksam zu studieren. An dieser Bereitschaft und Geduld mangelt es den Menschen aber, und ich bin der Auffassung, dass in diesem Mangel die Gründe für all die Irrtümer zu suchen sind, die über das Erleben und Verhalten von Säuglingen und Kleinkindern noch heute verbreitet sind.

Unvoreingenommen zu erleben, was Säuglinge in ihrer Mimik und ihren Affekten zum Ausdruck bringen und bereitwillig zu hören, was Kleinkinder in ihrer unver- deckten Sprache sowie im Rollenspiel von sich preisgeben, sei eine allen Erwachsenen empfohlene Aufgabe, um die kindliche Welt besser zu begreifen und zugleich ein tieferes Verständnis der eigenen Seelenstruktur und der persönlichen Reaktionsweisen zu gewinnen. Denn jeder Erwachsene ist selbst einmal Säugling und Kleinkind gewesen, und wenn er sich auch an diese Zeit nicht definitiv erinnern kann, die Gefühle von einst sind immer noch in ihm wach. Das ursächliche Verständnis eigener Reaktionen und Verhaltensweisen im Rückblick auf die Kindheit ist aber unbedingt nötig, um die Gründe für die zahlreichen Konflikte zwischen Erwachsenen und Kindern über die Generationen hinweg zu verstehen, und um eigene Elternschaft in einer kindgerechten Form ausüben zu können.

Neben umfangreichen, empirischen Einzelbeobachtungen sind es wissenschaftliche Studien der Entwicklungspsychologie, die Aufschluss über das Empfinden und Erleben von Säuglingen und Kleinkindern geben. Die hier vorgelegte Arbeit macht es sich zur Aufgabe, die Essenz aus solchen Studien, aber auch aus den zahlreichen Einzelbeobachtungen, in einer kindgerechten, den Entwicklungsgedanken hervorhebenden Form, zusammenzufassen und zu interpretieren.

In jüngster Zeit kommen dem Bestreben nach objektiver Erkenntnis über die Vorgänge in der Lebenswelt des Kindes neben den entwicklungspsychologischen Beobachtungsstudien immer mehr die Neurowissenschaften und die Hirnforschung zu Hilfe. Insbesondere durch die bildgebende, apparative Technik ist den Wissenschaften inzwischen möglich geworden, dem Menschen wie durch ein Fenster ins Gehirn zu gucken und gleichsam bei der Arbeit zuzusehen. Dabei handelt es sich um radiologische Untersuchungstechniken wie z.B. die funktionelle magnetische Resonanztomographie, kurz fMRT oder die Positronen-Emissions-Tomographie, kurz PET genannt. Diese computergestützten Untersuchungsmethoden sind in der Lage, bestimmte, experimentell ausgelöste Hirnfunktionen auf dem Monitor farblich sichtbar zu machen. Das gilt sowohl für mentale, als auch für emotionale Vorgänge. Ich erwähne diese Techniken gleich zu Anfang deswegen, weil sie einen immer größeren Einfluss auf die Anschauungen über die Vorgänge im menschlichen Gehirn gewinnen und weil sie beweisen, dass alle seelischen und geistigen Prozesse des Menschen sich im Organ Gehirn abspielen. Die Neuroradiologie ist sicher die bisher größte Herausforderung für die ursprünglich eher geisteswissenschaftlich ausgerichtete Psychologie.

Solche radiologischen Untersuchungstechniken, die zu wissenschaftlichen Zwecken aber ausschließlich an erwachsenen Personen durchgeführt werden, bieten im theoretischen Rückschluss auch wichtige Erkenntnisse über die Hirnfunktionen im Säuglings- oder Kindesalter. Für die Entwicklungspsychologie besteht das Problem, dass solche Untersuchungen aus technischen wie aus ethischen Gründen nicht direkt an Säuglingen und Kleinkindern durchgeführt werden können. Die wenigen Einzeluntersuchungen an Säuglingen und Kleinkindern, die es dennoch gibt, ermöglichen immerhin einen ersten Einblick in die speziellen Reifungsprozesse des noch in der Entwicklung befindlichen Gehirns. Auf diese Weise lässt sich vielleicht eines Tages der Entwicklungsverlauf der neuropsychologischen Reifung des Menschen exakt definieren und damit auf das Niveau einer Beweisbarkeit heben.

Außerdem lässt sich auf diese Weise die gesunde, neurofunktionale Entwicklung von der krankhaft gestörten unterscheiden. Aus einer Vielzahl solcher Untersuchungen lassen sich wiederum frühzeitig Rückschlüsse auf eine gesunde oder pathologische Entwicklung ziehen. Insgesamt ist von solchen Fortschritten in der Erforschung des menschlichen Gehirns in Zukunft viel zu erwarten. Ich meine bezogen auf deren übergeordneten philosophisch-ethischen Aspekt, dass die Entdeckungen über das „Innenleben des menschlichen Gehirns“ keineswegs, wie oft beklagt, den Schleier des Unfassbaren von unserem Zentralorgan herunterreißen, sondern im Gegenteil einen ganz neuen Kosmos eröffnen, den Kosmos in unserem eigenen Kopf.

Die Aufgabe dieses Buches ist aber nicht nur eine Aufarbeitung entwicklungspsychologischer und neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse zur emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes in Verbindung mit einer Darstellung von Hintergrundwissen. Gleichermaßen im Mittelpunkt stehen die emotionale und psychosoziale Entwicklung sowie die Standortbestimmung des Kindes in der modernen Gesellschaft als soziales Wesen. Dazu ist ein Blick auf die Lage der Familie in der heutigen Zeit zu werfen, denn die Familie ist über alle Zeitströmungen hinweg die natürliche Lebensgemeinschaft, in der Kinder groß werden. Gleichzeitig gilt die Familie als die Keimzelle der menschlichen Gesellschaft. Die traditionelle Familie lässt sich, darüber scheint in der Gesellschaft Einigkeit zu herrschen, heute jedoch nicht mehr aufrechterhalten. Diese Aussage gilt zumindest für die westlichen Industrienationen. Wirtschaftspolitische sowie soziokulturelle Faktoren stellen die konventionelle Familienstruktur immer stärker infrage.

So zwingt der Bedarf an Arbeitskräften in der Produktion und im Dienstleistungsbereich die Frauen und Mütter zu immer größerer Mitarbeit und lässt die klassischen Familienbindungen auseinanderbrechen. Arbeitsplatz und Wohnort liegen immer häufiger weit auseinander. Kind und elterliche Arbeit begegnen sich nicht mehr. Viele Kinder wissen überhaupt nicht, was und wo ihre Eltern arbeiten. Das Fehlen von Vater und/oder Mutter über viele Stunden am Tag charakterisiert vielerorts das moderne Familienleben. Es existiert auch kein Prinzip Großfamilie mehr, das mit dem Einsatz von Großeltern oder Verwandten solche familienfeindlichen Bedingungen ausgleichen könnte. Nicht zuletzt trägt auch das Emanzipationsbestreben der Frauen zu dieser Entwicklung bei, waren es doch die Frauen, die bisher die funktionierende Familie aufrechterhalten haben.

In jüngster Zeit kommt ein weiterer, rein wirtschaftspolitischer Aspekt hinzu. Die Konstruktion der sozialen Absicherungssysteme macht es erforderlich, dass eine möglichst große Zahl an Produktivkräften in Lohn und Brot steht, um die Kosten für ihren Erhalt zu erwirtschaften. Die zunehmende Überalterung der Bevölkerung spitzt gerade diese Problematik weiter zu, so dass nun auch aus dieser Richtung der Ruf nach Mitarbeit der Frauen immer lauter wird.

Eine besonders prekäre Situation für die Lage des Kindes ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Trend, Partnerschaft aus einem gestiegenen Bedürfnis nach uneingeschränkter Selbstverwirklichung frühzeitig zu beenden und sich – wenn nötig – wieder scheiden zu lassen. Die Anzahl allein erziehender Mütter nimmt dadurch drastisch zu. Sogenannte Ein-Eltern-Familien finden sich neu zusammen und bilden Patchwork-Familien. Daraus ergibt sich in den Familien eine beträchtliche Zahl an Stiefmüttern und Stiefvätern, sowie Halbgeschwistern. Nichteheliche Lebensgemeinschaften komplizieren juristisch und wirtschaftlich die Elternschaft, und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften können durch künstliche Befruchtung oder Adoption Elternschaft erlangen. Alles das stürzt seit wenigen Jahrzehnten auf das Kind ein.

Im gleichen Atemzug ist die drohende Isolation der Familien zu nennen, begünstigt durch eine Städtearchitektur, die immer mehr rein funktionalen Gesichtspunkten folgt. Der Wohn- und Lebensraum für Kinder wird im Zuge dessen ständig kleiner und beengter. Ein Grund für Entbehrungen in der Kindheit liegt aber auch in...